Die Therapie – Besuch beim Seelenklempner I

on

Deine Lesezeit: 4 Minuten

„Ich mache eine Therapie“: In Deutschland ist es immer noch etwas, über das man weniger gern redet, als über das Wetter. Aber es ist auf keinen Fall ein Grund zur Scham oder Geheimhaltung, denn du tust dir und deinem Geist definitiv etwas Gutes – ein Akt der Selbstfürsorge quasi.

Ich danke Cathrine für ihre Erzählungen und Berichte, herausgekommen ist eine Kolumne in zwei Teilen.
Im ersten Teil geht es nun erstmal um den steinigen Weg bis zur ersten Therapiestunde, im zweiten Teil um  die Therapie an sich und wie es sich genau anfühlt beim Seelenklempner auf der Couch zu liegen…

Beide Teile dieser Serie basieren auf rein subjektiven Erfahrungen. Meine kurze Erklärungen und Überlegungen sind dabei nicht psychotherapeutisch validiert.

Raus aus der Schublade

Ganz zu Anfang möchte ich noch etwas loswerden: Ich würde diesen Artikel nicht schreiben, wenn es mir nicht so wichtig wäre, das ganze Thema „Mentale Gesundheit“, einschließlich aller Krankheiten, die dazugehören, aus dieser Schublade zu holen… Natürlich, es ist kein Schnupfen, über den man sich auch mit den Nachbarn unterhalten würde, aber wenn die Psyche erkrankt, ist sie genauso krank und beeinträchtigt, wie ein Körper mit Erkältung oder einem komplizierten Splitterbruch, je nach Ausmaß.

Also raus aus der Schublade! Psychische Erkrankungen kommen in den besten Familien vor und sollten nicht (von anderen) hinter vorgehaltener Hand diskutiert werden.

Die Gründe

Vergiss‘ die Vorurteile, dass man „plemplem“ [ACHTUNG: Weder meine Wortwahl, noch meine Ansicht] sein muss, um eine Therapie zu machen: Es gibt die verschiedensten Gründe, oftmals auch völlig alltägliche – beispielsweise bei Problemen in der Partnerschaft – die Paartherapie.

Oft sind es bestimmte Situationen oder Erfahrungen, die noch verarbeitet werden müssen, dabei kann jede Art von Hilfe Wunder bewirken. Ob es das vertrauensvolle Gespräch mit einem lieben Menschen ist oder die professionelle Hilfe vom Therapeuten: Manche Dinge schafft man einfach leichter, wenn man nicht alleine ist.

Dabei ist es völlig egal, ob dir deine Ängste oder Probleme absurd vorkommen… Wie viele Menschen haben zum Beispiel eine riesige Panik vor Schlangen? Und wie viele dieser Menschen wurde schon mal von einer Schlange tätlich angegriffen?

Richtig  – auch wenn dein Problem ganz klein und albern erscheint, sofern es dich im Alltag stark beeinträchtigt, solltest du versuchen, dich damit auseinanderzusetzen und zu bekämpfen…

Zum Glück war mein Problem nicht akut, es war vielmehr vergleichbar mit schiefen Zähnen im Erwachsenenalter. Man hat sich irgendwie daran gewöhnt, hasst sie aber trotzdem bei jedem Blick in den Spiegel. Irgendwann war es soweit und ich wollte etwas für mich tun: Das Problem nicht mehr ignorieren, sondern aktiv angehen.

Und auch wenn ich vom Erfolg einer Therapie nicht vollends überzeugt war, einen Versuch erschien es mir Wert.

Wer suchet…

Ich googelte also im ersten Schritt nach geeigneten Therapieformen, schnell wurde klar, dass die kognitive Verhaltenstherapie für meine Problematik am geeignetsten erschien. Daraufhin machte ich mich via Internet auf die Suche nach Therapeuten in meiner Nähe.
Das Tolle am Internet ist die wunderbare Übersicht: Eigene Websites mit Blick auf Praxis und TherapeutIN sind mittlerweile Standard und helfen bei einer ersten Orientierung.
Doch schnell kam die erste Ernüchterung: Nicht alle Therapeuten kommen in Frage,  zumindest wenn die Krankenkasse alle Kosten übernehmen soll.  Und nicht alle, um nicht zu sagen SEHR wenige, Praxen hatten in den nächsten Monaten überhaupt einen Therapieplatz frei.

Ich entschied mich der Einfachheit halber also erstmal für eine kurzfristig verfügbare Therapeutin in der Nähe, welche ich privat zahlen müsste. Zwar bewegten sich die Preise für eine Stunde bei über 50,00€, aber meine mentale Gesundheit schien es mir Wert.
Die erste Stunde war dann auch recht unspektakulär: Nach extrem kurzer Wartezeit in einem angenehmen Ambiente – kein Vergleich mit Zahnarzt und Co – ging es in ihren Raum und auf einen sehr bequemen Sessel…

Wie, keine Liege?

Ich schilderte den Grund meines Besuchs und sie empfahl mir direkt eine Kurzzeittherapie mit ca. 25 Sitzungen. Völlig euphorisiert verließ ich die Praxis – mein neues Leben stand in den Startlöchern!
Nach ein paar Stunden ging ich das Gespräch und die zu erwartenden Kosten nochmal in Gedanken durch: Sollte ich wirklich gleich die erstbeste Wahl nehmen? Waren wir wirklich auf einer Wellenlänge? Und konnte ich die Kosten überhaupt selbst tragen?

Nach einigem Grübeln entschied ich mich weiter zu suchen. Es sollte eine Praxis mit Kassenzulassung werden und ich wollte mich zu 100% wohlfühlen.
Ich telefonierte also weiter und wurde fündig: Die Stimme am Telefon hörte ich gleich sympathisch an, die Therapeutin hatte kurzfristig Zeit und wir machten einen ersten Termin aus.

wie sieht es beim seelenklempner eigentlich aus?

Wieder musste ich nur kurz warten, bis ich aufgerufen wurde. Der Praxisraum hatte einen schönen Blick in den Garten, es standen einfach zwei bequeme Stühle mit einem kleinen Tischchen, ähnlich einer gemütlichen Leseecke, am Fenster. Die Therapeutin erschien mir nicht viel älter als ich und plauderte gleich ganz offen und aufgeweckt mit mir. Schnell merkte ich, dass es die richtige Entscheidung war, nochmal weiterzusuchen – und fündig zu werden. Ich brauchte keine pseudo-einfühlsame Therapeutin, die auch mal 10 min am Stück schweigt (wahrscheinlich um mich auch bloß ausreden zu lassen). Nein, ich wollte einen gleichwertigen Gesprächspartner, der mir Impulse gibt.

Ohne Bürokratie geht nichts!

Sie erklärte mir dann auch, dass ich vom Hausarzt einige Formulare ausfüllen lassen muss, damit dieser Antrag überhaupt von der Krankenkasse genehmigt werden kann. Außerdem bestätigte sie mein gutes Gefühl, indem sie mir den Platz direkt zusagte. Es kann nämlich auch passieren, dass ein Therapeut die Arbeit mit dir ablehnt, beispielsweise, wenn eine produktive Zusammenarbeit aus diversen Gründen aussichtslos erscheint.

Beim Hausarzt hatte ich dann nochmal kurz ein komisches Gefühl: Was soll ich als Grund benennen? Unterschreibt der Arzt überhaupt?
Zum Glück waren diese Ängste unbegründet und ich erhielt nach kurzer Zeit die Zusage für eine Kurzzeittherapie von der Krankenkasse.

Ich würde also fünfundzwanzigmal den gleichen Spaziergang durch die Stadt machen. Fünfundzwanzigmal zur gleichen Uhrzeit, am gleichen Wochentag und alle sieben Tage zu meiner Therapeutin laufen und „an mir arbeiten“.

Im zweiten Teil geht es weiter mit meinen Erfahrungen während der Therapie und meinem Resümee.
Vielleicht hast du auch direkt Lust auf andere Themen rund um die liebe Seele und mentale Gesundheit? Dann schaue hier vorbei.

Foto von Kari Shea

Hat dir der Artikel gefallen? Oder hast du Feedback für unsere Autorin/Autor? Wir freuen uns auf Post von dir an: post@monzenzine.de