Die Therapie: Besuch beim Seelenklempner II

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“Ich mache eine Therapie”: In Deutschland ist es immer noch etwas, über das man weniger gern redet, als über das Wetter. Aber es ist auf keinen Fall ein Grund zur Scham oder Geheimhaltung, denn du tust dir und deinem Geist definitiv etwas Gutes – ein Akt der Selbstfürsorge quasi.
Im ersten Teil geht es  um den steinigen Weg bis zur ersten Therapiestunde, im zweiten Teil um  die Therapie an sich und wie es sich genau anfühlt beim Seelenklempner auf der Couch zu liegen…

Beide Teile dieser Serie basieren auf rein subjektiven Erfahrungen bzw. deren Erzählungen. Die kurze Erklärungen und Überlegungen im Artikel sind dabei nicht psychotherapeutisch validiert.

Die Pyramide

Meine erste richtige Therapiestunde starte ich mit einer Grafik: Die Therapeutin zeichnet eine Pyramide und fragt mich nach meinem größten Ziel in Bezug auf meine Problem. Auf Grundlage dessen, wird von der Spitze absteigend, jede Etappe der Pyramide mit kleineren Schritten gefüllt.
Das Fundament der Pyramide bildete also die Grundlage, auf die es aufzubauen galt: Ganz alltägliche Situationen völlig entspannt zu meistern.

Die kognitive Verhaltenstherapie

Kurz gefasst besteht kognitive Verhaltenstherapie darin, systematisch die Selbstbeobachtung (Introspektion) auszubilden, die der Patient braucht, um krankmachender (z. B. depressogener) kognitiver Verzerrung aus eigener Kraft gegensteuern zu können.

Quelle: Wikipedia

Diese Entspannung wurde mir mithilfe einiger Anwendungen auch praktisch erklärt: Das tiefe Atmen, das Konzentrieren auf Sinneseindrücke etc. übten wir anfangs oft zusammen. Aus heutiger Sicht gingen diese Übungen alle in Richtung dessen, was heute unter dem Begriff “Achtsamkeit” in aller Munde ist.

Nach ein paar weiteren Terminen bekam ich ein kleines Lob: Scheinbar ging ich völlig offen und unbefangen an das Thema ran und ließ mich auch unbefangen  auf die verschiedensten Techniken ein. Dies scheint nicht immer so zu sein, ist aber sicherlich hilfreich für gute und schnelle Erfolge.

Vielleicht fragst du dich, was für “Techniken” ich meine?

Zum Beispiel eine Art Rollen- oder Gedankenspiel… Vorstellen sollte ich mir eine, für mich völlig furchtbare, Situation. In der Realität hätte ich mich auf keinen Fall  in eine solche Situation  begeben, aber in der Phantasie erlebte ich sie “in Sicherheit” und trotzdem recht real.
Die Ängste zu offenbaren, insbesondere wenn sie für “normale” Menschen völlig absurd erscheinen, fällt natürlich nicht leicht. Wenn man dann in der Rolle aber nicht einfach abbrechen kann, sondern die unangenehmsten Situationen durchspielen muss, kann man schon mal leicht in Schweiß ausbrechen. “Und was passiert dann?” ist die Frage aller Fragen: Einfach tot umfallen kann man ja leider (ZUM GLÜCK) auch in der schrecklichsten oder peinlichsten Situation nicht und so durchspielte ich einige meiner “Horrorszenarien”. Ehrlich gesagt, musste ich schon währenddessen über mich und meine irrationalen “Ängste” schmunzeln, scheinbar ist aber dies aber für mich genau der beste und hilfreichste Ansatz.

Es tut sich etwas…

Anfangs hatte ich wirklich meine Zweifel, ob mir eine Therapie wirklich was bringt, ich bin Skeptiker und betrachte vieles erstmal sehr kritisch…
Und trotzdem merkte ich bereits nach ca. 5 Terminen, dass ich mich weniger stressen ließ.  Ich ließ mich auf immer mehr Situationen ein und wurde jedes Mal mit einem Erfolgserlebnis belohnt.

Ich hatte gelernt, dass ich der Typ “Vermeider” bin und ungerne aus meiner “Comfort Zone” gehe. Letzteres ist aber in der Verhaltenstherapie essentiell und wurde mir daher immer wieder an’s Herz gelegt. Denn mit jedem positiven Erlebnis wird das Problem ein bisschen kleiner.

Verhalten // Gedanken // Gefühle

Die kognitive Verhaltenstherapie zielt genau darauf ab: Mit meinem Denken, beeinflusse ich meine Gefühle und mein Handeln – all’ diese drei Punkte stehen dabei ständig in Abhängigkeit zueinander. Es ist also eine problemorientierte Therapieform, die sich auf die Gegenwart konzentriert und keine unterbewussten Traumata aus der Vergangenheit oder Freudsche Theorien ausgräbt.

vor und zurück

Das Gefühl irgendwie doch Fortschritte zu spüren, war einmalig. Gleichzeitig gab es auch immer wieder mal Rückschritte, diese besprach ich dann aber direkt beim nächsten Termin. Zusammenfassend kann ich sagen, dass nach ca. 1/3 Drittel der Kurzzeittherapie mein eigentlicher Therapiegrund schon so irrelevant wurde, dass wir immer weniger darüber sprachen.

Zeit für andere Themen

Daher verbachten wir die zweite Hälfte meiner Therapie mit einer Art Alltags-Coaching. Ein besserer Begriff fällt mir nicht ein, aber es begann immer mit der Frage “Und wie geht es Ihnen heute?” und endete mit Gesprächen über meine aktuelle Gedanken – eine wunderbare Erfahrung um den Geist zu fokussieren und weiteres Wissenswerte zu erlernen.

Jeder Mensch ist anders

Natürlich gibt es auch das genaue Gegenteil: Eine Therapie kann sicherlich auch unterbewusste Ängste, Traumata oder Erlebnisse an’s Tageslicht befördern  – dann ist es wichtig sich die Zeit zu nehmen und die Therapie, soweit nötig, auch zu verlängern und/oder den Ansatz  zu ändern. Ob eine kognitive Verhaltenstherapie in einem solchen Fall ausreicht, mag ich nicht beurteilen.

Ende gut, alles gut?

Bereits nach einigen Sitzungen war wohl klar, dass es für mich bei der Kurzzeittherapie bleiben wird und es keinen Grund für eine Verlängerung gibt. Daher wurden die Abstände der letzten Termine immer weiter gestreckt, am Ende trafen wir uns nur noch einmal im Monat. Bei einem dieser Termine wurde auch nochmal die Pyramide hervorgeholt: Erstaunlich wie viele der kleinen Ziele ich schon längst erreicht hatte. Andere hingegen sind mit der Zeit völlig irrelevant geworden.

“Geheilt” bin ich nicht, hatte aber auch nie den Anspruch, dass (m)eine Therapie dies erreichen sollte. Ich habe aber gelernt, wie ich mental besser mit meinen Beschwerden umgehen kann und habe dies auch bis heute verinnerlicht.

Im ersten Teil des Erfahrungsberichts erzähle ich von der Suche nach dem passenden Therapeuten, gar nicht so einfach, wie man vielleicht denken mag.
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Foto von Ana Tavares

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